Qualitätsjournalismus 2.0

Neda – Youtube-Ikone des Iran-Widerstandes

Sie hat den Unruhen im Iran ihr Gesicht als Symbol geliehen: Neda, die junge Iranerin, die vor laufender Kamera starb, deren Todesvideo via Youtube millionenfach verbreitet wurde und die seitdem eine Ikone der Iranischen Opposition ist. Zwar gibt es auf youtube und im Netz immer wieder Behauptungen, in dem Video sei nur eine Puppe zu sehen. Allerdings scheint zumindest die Örtlichkeit authentisch zu sein, das haben „Experten“ bestätigt.

PersianKiwi – Twitter-Livekommentator der blutigen Unruhen

Ebenfalls sehr bekannt ist „PersinaKiwi“, ein Account auf Twitter, der intensiv von den Unruhen in Theran berichtete – und seid dem 24. Juni schweigt. PersianKiwi schildert mit drastischen Worten, wie Anhänger der Opposition teilweise mit Äxten abgeschlachtet wurden, mit Pfefferspray malträtiert und mit Schlagstöcken gleich reihenweise Hände, Arme und Beine gebrochen wurden. Gerade PersinKiwi wird dabei von „Experten“ als besonders authentisch angesehen – so konnte man es zumindest in den TV-Nachrichten der vergangenen Tage hören.

Fragen sind journalistische Pflicht

Andererseits sind alle Tweets von PersinaKiwi – auch diejenigen, wo er/sie angeblich vor Ort ist und als Augenzeuge etwas sieht – mit der Kennung „from web“ gezeichnet – also via Internetzugang – und nicht „from txt“, also via SMS oder „from mobile web“, also via mobilem internet. Das verwundet etwas, sind doch die Handy-Netze im Iran etwa seit dem letzten Tweet von PersianKiwi abgeschaltet. Zumindest davor hätte eine Aktualisierung via Handy möglich sein können. Das wurde aber offensichtlich nicht gemacht. Beziehen wir den kurzen Aktualisierungsintervall mit ein, scheidet die Möglichkeit, dass jemand etwas draußen gesehen hat und diese im nachhinein via Internet verarbeitet, aus. Konkret kann das aber nur heißen, dass die Tweets von einem oder mehreren Bloggern eingestellt wurden, die die Geschehnisse gar nicht selbst gesehen haben, sondern sie von anderen als Augenzeugenberichte erhalten haben. Das aber ist kein sauberer Journalismus, sondern das Weiterverbreiten von Gerüchten. Warum die „Experten“ trotzdem der Meinung sind, die Berichte sind authentisch, entzieht sich meiner Kenntnis. Qualitätsjournalismus sieht m.A. aber anders aus.

Über mehrere Ecken denken

Tatsächlich ist der Sachverhalt kompliziert: Wer könnte hinter dem Account stecken? Die Opposition, die vielleicht einfach keine Möglichkeit hat, live und mobil zu berichten? Oder wollen sie  die Situation dramatischer darstellen, als sie tatsächlich ist, um mehr Menschen auf die Straße zu bringen? Oder aber steckt dahinter die Staatsmacht, die durch bewußt eingebaute Fehler wie Augenzeugenberichterstattung ohne mobile Kennung versucht, einen Oppositios-Asccount zu faken und diese so  zu diskreditieren?

Dilemma der Gutmenschen im Netz

Beide Beispiele verdeutlichen das Dilemma, in dem das moderne Netz und seine User stecken: Tatsächlich wollen wir weltoffen, tolerant, menschlich und basisdemokratisch sein – und wir bewundern Freiheitskämpfer, die für diese Ideale einstehen, lokal in einer Krise stecken und die Möglichkeiten des Netzes nutzen, um trotz staatlicher Zensur zu berichten (erstmals übrigens passiert im Kosovokrieg, als ein ganzes Webradio lokal via mobilem Internet betrieben wurde). Wenn wir PersianKiwi folgen, dann haben wir ein gutes Bauchgefühl, dann tun wir was für die Freiheit, das Netz funktioniert, wir unterstützen David gegen Goliath.

Aber natürlich besteht auch hier die Gefahr, dass David genau weiß, wie er seine Steinschleuder einsetzen kann, dass aus den Kieselsteinen gefährliche Geschosse werden. Die psychologische Kriegs- oder Konfliktführung ist auch bei den Oppositionsanhängern bekannt.

Berechtigte Zweifel durch richtiges Fragen

Viel zu viele Journalisten übernehmen ungeprüft Inhalte von Twitter und aus der Blogosphere, ohne die Inhalte tatsächlich zu hinterfragen: Twitter und Blogs sind Hype oder „porno“ wie die jüngere Generation sagt, sie sind en vogue, wer das nicht sendet, hat die Möglichkeit zu einer schnellen Nachricht mit guter Quote verpasst. Qualität heißt meiner Meinung nach aber, Fragen zu stellen: alles, was ich sehe, erstmal zu hinterfrage. Ist das so? Passiert das wirklich? Was spricht dafür, was dagegen? Welche Beweise gibt es? Gibt es Dritte, die mir das bestätigen können? Wenn ja, kenne ich diese Dritten – oder sind das auch nur wieder anonyme User aus dem Netz?

Auf alle diese Fragen gibt es meiner Meinung nach bisher keine umfassenden Antworten. Aber ob man diese Fragen im Netz stellen kann – zumal in so einer aktuell aufgeheizten Stimmung – wage ich zu bezweifeln. Sehr schnell gerät man in die Gefahr, als Agent Provocateur abgetan zu werden. Ich bin jedenfalls gespannt, wie lange es dauert, bevor das nach diesem Post hier passiert.

Simplizissimus

Links zu aktuellen Netz-Beiträgen über den Qualitätsjournalismus:

http://carta.info/10513/iran-medien/

http://klauseck.typepad.com/prblogger/2009/06/trendwatch-funding-journalism.html

http://www.bildblog.de/8522/piratenpartei-bringt-medien-zum-kentern/

http://blog.ronniegrob.com/2009/07/01/%E2%80%9Cqualitatsjournalismus%E2%80%9D-mit-newsnetz-4/

http://www.presseschauer.de/?p=703

http://wuertz-wein.de/wordpress/2009/06/16/qualitatsjournalismus-zum-nulltarif-ein-gastkommentar-von-hans-naumann/

http://anstalt.wordpress.com/2009/06/26/qualitatsjournalismus-3/

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/geht-sterben-7/

http://wirres.net/article/articleview/5209/1/6

http://www.darktiger.org/home/content/zeit-tauss-qualitaetsjournalismus

http://www.sichelputzer.de/2009/06/30/leistungsschutzrechte-fuer-qualitaetsjournalismus/

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3 Responses to Qualitätsjournalismus 2.0

  1. califax sagt:

    1.) PersianKiwi schreibt nicht live vor Ort sondern schickt hinterher Zusammenfassungen. Schreibt PersianKiwi sogar selbst. Müßte man aber lesen, statt munkeln.
    2.) Idioten, die SMS für ein brauchbares Oppositionsmedium halten, fallen im Iran gerade der Evolution zum Opfer.
    3.) Auch Munkeln verlangt Hirntätigkeit.
    4.) Das mit Agent Provocateur wirkt unfreiwillig lächerlich. Siehe 3.

    PS.: Sich beim Munkeln über die große Nedaverschwörung hinter anonymen Behauptungen verstecken zu wollen, ist ebenso dämlich wie feige.

  2. @califax – zum inhalt: das grundsätzliche problem bei allen aktivitäten von privaten dritten im netz ist doch die verifizierbarkeit. es ist doch so, dass keiner genau weiß, ob die informationen wahr sind. bei korrespondenten habe ich eine andere handhabungsmöglichkeit über den pressekodex etc., bei anonymen netz-accounts eben nicht. und deshalb sollte jeder das, was er sieht, hinterfragen.

    und jetzt zur form: ich hab dich weder dämlich noch feige genannt – offensichtlich scheinst du einer derjenigen zu sein, denen im netz dank der vorhandenen anonymität gerne mal die zunge entgleist. aber macht nichts, kann ich mit leben. von munkeln sprichst ausschließlich du, ich habe das wort noch nichtmal in meinem post drin. und die „experten“ in anführungszeichen hast du wahrscheinlich komplett falsch verstanden: es lief gestern oder vorgestern eine doku nachts auf 3sat, die die aktivitäten im netz (auch am beispiel iran) vorgenommen hat. und dabei wurde deutlich, dass es schienbar bei ein paar personen reicht, wenn sie die landessprache sprechen udn selbst einen twitter-account haben, dass sie sich dann als experten bezeichnen. deshalb die anführungszeichen – weil es in wirklichkeit keine experten sind. aber genau die behauptung, dass die orte verifizierbar sind, haben im tv „experten“ behauptet, ohne dass sie nachgewiesen haben, warumj sie sich als experten bezeichnen.

  3. Klischeepunk sagt:

    @ simplizissimus: Zur Abwechslung mal beinahe uneingeschränkte Zustimmung – gleiches gilt aber auch für die etablierten Medien/den etablierten Journalismus, da kann (auch) aller möglicher scheiß verbreitet werden, Pressekodex hin oder her.

    Wenn man die Leute bewusst verarschen will braucht man dazu kein Internet – um mal in die USA zu gehen: Siehe Meldungen zum Thema Irak-Krieg, ohne BBC dürften viele immer noch glauben, dass es kein Krieg sondern ein Siegreicher einmarsch der US-Truppen ist, bei dem es keine toten gibt und alle das auftauchen der Demokratie feiern – das hier die Regierung mitmischt tut nichts zur Sache. Natürlich ist es hier schwieriger diesen Scheiss durchzubekommen, weil – fgw. geprüft wird bzw. werden sollte, aber dass es auch hierzulande ganz anderst geht – Bildblog.de / BILD dürfte so n wunderbares Beispiel sein wie man erfundene Dinge ganz ohne Internet verbreitet. – Nachfragen ist IMMER angesagt, egal welches Medium oder Land. Um von der BILD wegzugehn: Das geht auch in anderen Blättern gar wunderbar – bei der G8 Berichterstattung aus Heiligendamm hab ich mich gefragt ob überhaupt einer der Schreiberlinge… der Schreibtischtäter anwesend war, oder ob sie einfach nur gern hetzen…

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